Il caldo e il freddo
la carne immobile/soggiace arsa/freddo s’innalza/lento il lamento/dell’ultimo umano pianto/il disincanto.

Das Warme und das Kalte
das unverrückbare Fleisch/gibt entbrannt nach/kalt erhebt sich/langsam das Klagelied/der letzten menschlichen Trauer/die Entzauberung.

Das Aufeinandertreffen von Warm und Kalt

Bestimmte Wörter fügen sich in historische und kulturelle Kontexte ein und beeinflussen Denken und Sprache auf eindringliche Art. Sie kennzeichnen das Handeln des Menschen, sind dabei aber stets nur schwer definierbar. Das semantische Umfeld des Begriffs „Liebe“ stellt ein schwierig zu entwirrendes Geflecht aus bedeutungstragenden Beiklängen dar, denn „das Lieben” ist ein vielgestaltiger Prozess, dessen mehr bis minder friedvolle Koexistenz aus Gegenstücken zusammensetzt ist. Eine flüchtige Empfindung, von Prévert in den Feuilles Mortes meisterlich beschrieben, zwischen dem Wunsch der Präsenz und dem Grauen des Fehlens. Hierin findet der universelle Gedanke par excellence Ausdruck, von Empedocles Konzept des Eros, das als Zwistigkeit zwischen den ordnenden Kräften der Realität zu verstehen ist, bis hin zu den moralischen Vorenthaltungen, die laut Gadamer durch dieses Lebensgefühl evoziert werden.

Wohl gerade aufgrund dieser perzeptiven und expressiven Vagheit ist die Liebe ein Thema, welches in der Kunstgeschichte oftmals in gegensätzlichen kompositorischen Schemata, als eine Spannung zwischen entgegengesetzten Polen, dargestellt wird. Die visuelle Darstellung der Gegensätzlichkeit kehrt gleich einer ikonischen Pose wieder, sie kristallisiert sich in den figürlichen Darstellungen: von Venus und Mars, die unter den Werken Botticellis am deutlichsten an die Harmonie der Gegensätze angelehnt ist, die in den Abhandlungen von Marsilio Ficino beschrieben wird, hin zu der himmlischen und der irdischen Liebe von Tizian, einem viel diskutierten Meisterwerk, das durchdrungen ist von den im Umfeld der Medici weit verbreiteten neuplatonischen Lehren zur Doppelnatur der irdischen und der himmlischen Venus.

Das Aufeinandertreffen sich gegenüberstehender Kräfte, der Liebe und ihrem Gegenspieler, bestimmt das Bild der sich wohl gen Unendlichkeit windenden Spirale, des barocken Taumels, der auf perfekte Weise Ausdruck findet in der anschaulich herausgearbeiteten Verflechtung der Körper von Pluto und Persephone aus der Reihe bildhauerischer Darstellungen Berninis. Die fest umklammernden, nach oben weisenden Arme des Herrschers über den Hades und der Tochter der Demeter wandeln sich in der Reinform des Taumels und zeichnen die Folge einer ständigen Metamorphose nach. Hier wirkt eine stärkere visuelle und taktile Einprägsamkeit, als es bei den belaubten Zweigen der von Apollon verfolgten Daphne der Fall ist – das Thema beider Werke entstammt derselben Quelle des Ovid.

Der Rhythmus dieser gegensätzlichen Komposition findet sich auch in den narrativen Systemen, die dem Zeitgenössischen am nächsten stehen, wieder, obschon sie auf darstellender Ebene stärker implizit bleibt. Ob sie an den Impuls des Thanatos gebunden ist, gleich einem Achill, der sich in dem Moment in Penthesilea verliebt, in dem er sie erschlägt, oder an das Sein-zum-Tode Heideggers; Es ist unmöglich, darin, in dem entrückten Blick von Judith, Adele Bloch-Bauer, dem Lieblingsmodell Klimts, nicht den janusköpfigen Symbolismus düsterer Sinnlichkeit, eine nicht greifbare Nähe von Freude und Unglück zu sehen, die in die goldverzierte Verbitterung des Meisters der Wiener Secession eingelassen ist.

In diese formreiche Tradition des Gegensätzlichen, die soeben in ihren Grundzügen dargestellt wurde, reiht sich das Diptychon Il caldo e il freddo (Das Warme und das Kalte) von Alessandra Donnarumma ein. Es wird zum Abbild des Gefühls der Ewigkeit, wie von Guiseppe Scarane in seinem Aufsatz untersucht. Der Eindruck von Andersartigkeit verliert durch die Pastelllinien – mal sind sie gewunden, dann völlig formlos, versteckt, dann wieder zugespitzt, durch die nicht trennbaren Empfindungen von warm und kalt – an Deutlichkeit. Die Union der Körper ist als Prinzip, welches die gegenläufigen Bewegungen von Erhebung und Fall, von Erwachen und Tod antreibt, zu verstehen, sie ist eine Allegorie des Prozesses, durch welchen die zwei Momente des Bewusstseins, nämlich die Darstellung und die Benennung, zusammentreffen. Die Verse, die Donnarumma ihrem Werk beifügt, sind wesentlicher Bestandteil für dessen Deutung. Sie sind die natürliche Fortsetzung des Pastellstrichs auf dem Papier. So manifestiert sich hier, zwischen den versteckten Linien und der semantischen Auslegung der Worte, in dieser Überlagerung, in der Bedeutung und Bild zur gegenseitigen Kompensation tendieren, eine Form, die dem Taumel des Barock ähnelt. Durch den Kontrast entsteht ein einziger Körper:

la carne immobile/soggiace arsa/freddo s’innalza/lento il lamento/dell’ultimo umano pianto/il disincanto.

das unverrückbare Fleisch/gibt entbrannt nach/kalt erhebt sich/langsam das Klagelied/der letzten menschlichen Trauer/die Entzauberung.

Mario Francesco Simeone

Titel / Title Il caldo e il freddo

Papiergroße / Paper size Diptychon 700 mm x 500 mm

Medium / Technik Pastell Zeichnung

Year / Jahr 2015

Bibliography /Bibliographie 2015 – nascondere, origini, a cura di Mario Francesco Simeone, Benevento IT

Il caldo e il freddo la carne immobile/soggiace arsa/freddo s’innalza/lento il lamento/dell’ultimo umano pianto/il disincanto. Das Warme und das Kalte das unverrückbare Fleisch/gibt entbrannt nach/kalt erhebt sich/langsam das Klagelied/der letzten menschlichen Trauer/die Entzauberung. Das Aufeinandertreffen von Warm und Kalt Bestimmte Wörter fügen sich in historische und kulturelle Kontexte ein und beeinflussen Denken und Sprache auf […]